Von der Bohne zum Rex

Chronik der Gesellschaft

Es mag kaum eine andere Gesellschaft geben, in der die Kontinuität auf der Führungsebene gerade im stetigen Wechsel besteht. Jahr für Jahr – und das von der Gründung im Jahr 1861 bis in die Mitte der 1930er Jahre hinein – gaben sich beim Rosen-Montags-Divertissementchen, der heute viertältesten Kölner Karnevalsgesellschaft, jeweils neue Präsidenten die Klinke in die Hand. Pardon, es gab ja gar keinen Präsidenten beim „RMD“ – sondern einen „Rex“.

Das Stadtpanorama 1861 sah die Kirchtürme von St. Severin und Pantaleon, Maria Lyskirchen, Groß St. Martin, Andreas, Gereon, Kunibert – und: einen Kran. Der thronte auf einer Großbaustelle namens „Kölner Dom“. Drei Jahre zuvor – 1858 – hatte sich die „Marianische Congregation für junge Kaufleute“ (MC) gebildet. Betrachtete es die MC von Anfang an als eine wesentliche Aufgabe, die Mitglieder „von allen gefährlichen Vergnügungen fernzuhalten“, so musste sie sicher zu den „vielfach bedenklichen“ Karnevalsveranstaltungen Stellung nehmen. Was lag näher, als dem „ausufernden Karneval“ einen eigenen, „sauberen und romantischen Karneval“ entgegenzusetzen.

So wurde 1861 das Rosen-Montags-Divertissementchen (RMD) ins Leben gerufen, ergänzt um den klangvollen Namen „Närrisches Bohnenreich“. Es hat den Anschein, als wollten die Gründer des RMD mit ihrer Hinwendung zu den romantischen Zeiten, die ein halbes Jahrhundert zuvor herrschten, ein Zeichen gegen den ruppigeren Zeitgeist in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts setzen.

Denn das Divertissementchen wurde von dem Grundgedanken geleitet, seinen Mitgliedern und deren Angehörigen an allen Sonntagen zwischen Neujahr und Karneval „eine angenehme saubere humoristische Unterhaltung“ zu bieten. Indem die MC solche Mitglieder, die über echten Kölner Humor verfügten, zur Veranstaltung gemeinsamer Vergnügungen anregte, bot sie den Mitgliedern und darüber hinaus immer mehr Kölner Familien ungetrübte Karnevalsfreude.

Ihren Präsidenten nannten die Bürger des närrischen Bohnenreiches – damals wie heute – „Rex“. Ursprünglich wurde er beim Bohnenkuchenessen am Dreikönigstag ermittelt. In den Kuchen war eine „Goldene Bohne“ eingebacken. Wer sie fand, wurde „Rex“ und durfte das närrische Ministerium ernennen und leiten. Jedem der ernannten zehn Minister wurde neben seinem ministeriellen Titel eine Aufgabe in der Organisation zugeteilt.

Der Beiname „Närrisches Bohnenreich“ belegt, dass das RMD einen alten, in weiten Teilen Europas verbreiteten Brauch mit römischen und orientalischen Vorbildern wieder aufleben ließ, der bis ins Jahr 1510 zurückreichte: Denn im Königskuchen eine Bohne zu verstecken, war im Mittelalter Kern des Königsspiels am Vorabend von Dreikönigen. Der Finder der Bohne wurde zum König des Festes – zum Bohnenkönig – ernannt. Er musste zu einem späteren Zeitpunkt ein Fest ausrichten und sich dabei einen Hofstaat zulegen. Und: Er durfte eine Krone tragen, wie es Gemälde des 17. Jahrhunderts zeigen.

Im Kölner Karneval war das etwas Neues – und der „Bunneball“ des RMD am Dreikönigstag, bei dem der „Rex“ und sein Hofstaat gekürt wurden, erfreute sich schnell wachsender Beliebtheit. Es war stets eine der ersten karnevalistischen Veranstaltungen im Sessionskalender.

Der Erfolg spiegelte sich nicht nur in den Besucherzahlen der Veranstaltung wider. Groß war zudem das Interesse, zur „Führungsschicht“ des Bohnenreichs gehören zu dürfen. Die Kuchenstücke oder Berliner, in die die Bohnen eingebacken waren und anhand derer das neue Leitungsteam bestimmt wurde, gingen stets weg wie die sprichwörtlichen „warmen Semmeln“. Nicht wenige, die während des Bohnenballs keine Bohne in ihrem Kuchenstück vorfanden, versuchten es mit einer List. Heimlich mitgebrachte eigene Bohnen wurden bei der Jury vorgezeigt, um so den Anspruch auf den Thron oder zumindest auf einen Ministersessel erheben zu können. Die Bohnen waren jedoch gekennzeichnet, damit niemand „Fremdware“ einschmuggeln konnte. Dass besonders begabte Bohnenbürger die „Goldene Bohne“ bereits vor dem Bohnenkuchen-Essen in der Westentasche getragen haben sollen, davon wird in den überlieferten Unterlagen nichts berichtet.

Schnell errang das Rosen-Montags-Divertissementchen die Gunst der damaligen Karnevalsfreunde. Außer dem Bohnenball lud die Gesellschaft zu Herrensitzungen, Maskenkränzchen und Damen-Comités ein. Büttenreden und Lieder verfassten die Mitglieder selbst. Daneben wurde aber noch etwas anderes geboten, nämlich kölsche Theaterstücke – zum Teil Parodien auf Opern –, so wie sie die „Cäcilia Wolkenburg“ noch heute pflegt. Daher auch der Name „Divertissementchen“.

Denn damals gehörte zur Sitzungsart der Damen-Comités eine Theateraufführung. Meist teilte sich der Programmverlauf in drei Teile ein: Der erste Teil bestand wie bei Sitzungen üblich aus Liedern und Reden, der dritte Teil war das „Balltreiben“. Dazwischen fand immer ein Theaterspiel statt.

Das RMD hatte dieses Spiel aufgrund seiner Namenswahl gewissermaßen zum Programm erkoren. Wichtiger Bestandteil der RMD-Damen-Comités waren also eben jene „Divertissementchen“, die dem alten Kölner Brauch entsprechen, Fastnachtsulk auch in Theaterstücken zu treiben. Die Divertimenti – kleine Theaterstücke – sind heitere, parodistisch angelegte Theaterstücke, voller Scherz und Spott. Bis zum Ersten Weltkrieg wurden diese Theaterstücke – in aller Regel – von den Mitgliedern gestaltet. Mithin endete diese Tradition mit dem Ausbruch des Krieges und lebte auch nicht wieder auf.

Wörtlich übersetzt heißt Divertissement übrigens „Zeitvertreib“. Kleine Tanzdarbietungen mit einem bestimmten Handlungsfaden nennt man so. Sie waren beliebt bei Opern- oder Theateraufführungen als auflockerndes Element – anspruchsvolle Unterhaltung also. Beim Rosen-Montags-Divertissementchen pflegten die Mitglieder diese Tradition ab 1861 noch mehr als 50 Jahre lang. Alljährlich wurden in der Session bei den Veranstaltungen solche heiteren Theaterstücke aufgeführt.

Die Mitglieder selbst dachten sich Stücke aus, in denen gesungen, getanzt und gespielt wurde. Laienspiel war das, aber doch mit „vill Hätz“. Wahre Theater-Dilettanten waren da am Werk – im besten Sinne des Wortes, nämlich in der wörtlichen Übersetzung: dilettare bedeutet nämlich „erfreuen“. Es waren also lauter Leute, die einfach „Spaß an der Freud“ hatten, wenn sie auf der Bühne standen, um ihr Publikum zum Lachen zu bringen. Umso bedauerlicher eigentlich, dass es nach dem Ersten Weltkrieg im Kölner Karneval nicht mehr wieder aufgegriffen wurde.

Aus den Gründerjahren des RMD sind einige Namen überliefert. Genannt sind Adolf Stampfer (Teilhaber der Firma Hoffschlag und Stampfer auf dem Rothgerberbach 52), Chrysant Proenen (Teilhaber der Firma Bierbaum und Proenen in der Mühlengasse), Anton Birrenbach (Zigarrengroßhändler auf der Schildergasse und besonders beliebt als Volksdichter), Heinrich Winkel (Inhaber der 1845 gegründeten Kölner Rouleaux- und Fahnenfabrik, deren Geschäftsräume sich damals in der Glockengasse 1 befanden), Franz Zimmermann (Rohtabakhändler Hunnenrücken), Johann Fenger (Inhaber einer Porzellan- und Glaswarenhandlung auf dem Alter Markt), außerdem der Lehrer August Hermes und Mathieu Aldendorff (Inhaber der Weingroßhandlung Fischer und der Domkellerei, Trankgasse 37).

„Sie alle“ – so heißt es in einem noch erhaltenen Prolog anlässlich des Silbernen Jubelfestes 1886: „Sie alle, die erwähnet hier, tapfer, fochten im Dienste unseres Prinzen Karneval. Der böse Griesgram drum auch nicht vermochte, zu bringen unser Bohnenreich zu Fall.“

Mathieu Aldendorff sorgt gewissermaßen heute dafür, dass das Rosen-Montags-Divertissementchen mit Fug und Recht vermerken kann, dass es in der Geschichte des Kölner Karnevals einen Karnevalsprinzen aus den Reihen der Gesellschaft gibt. Denn 1889 war der Inhaber einer Weingroßhandlung und der Domkellerei zum obersten Narrenherrscher Kölns gekürt worden. Er wohnte An den Dominikanern 17 und gehörte eigentlich zur Großen KG von 1823. Doch einige Jahre zuvor hatte er das närrische Bohnenreich des RMD als „Rex“ angeführt. Manches Mal unterhielt er die Gäste der Sitzungen mit prächtigen Liedern. Das fiel ihm nicht schwer, denn er war zugleich Mitglied im Kölner Männer-Gesang-Verein, von 1895 bis 1902 sogar dessen Vorsitzender. So dürfte nahegelegen haben, dass er auch so manches „Divertissementchen“ des RMD musikalisch begleitet haben dürfte. Vermutlich ist Aldendorff im Jahr 1906 gestorben, denn ab 1907 lief die Domkellerei auf „Witwe Aldendorff“.

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs am 1. August 1914 machte dem Karneval zunächst ein Ende. Bis 1918 unterbrach er das närrische Spiel im Rosen-Montags-Divertissementchen. Nach dem Krieg erlebte das RMD seine karnevalistische Wiederauferstehung an Weiberfastnacht, 28. Februar 1924. Im blauen Saal des Handelshofes am Waidmarkt fand eine Veranstaltung mit eigenen Kräften statt – allerdings nicht karnevalistisch, sondern als „Heiterer Abend“ deklariert. Danach fanden die Mitglieder in Stammtischrunden wieder zueinander.

Auf die erste „richtige“ Sitzung mussten die Bohnenbürger bis 1927 warten. In Gemeinschaft mit der „Kaufmännischen Karnevals-Vereinigung“ (KKV) gab es unter Rex Maxentius (Max Herholz) drei Herrensitzungen im Vortragssaal der Bürgergesellschaft, ein Damen-Comité, einen Maskenball in allen Sälen der „Bürger“ und einen Rosenmontagsball im Rudolfsaal – allesamt mit einem Riesenerfolg.

Max Herholz schien an der Leitung närrischen Treibens Gefallen gefunden zu haben. Denn mit einem Teil der karnevalsfreudigen Kölner Kaufleute gründete er im gleichen Jahr die Karnevalsgesellschaft Fidele Kaufleute und wurde deren erster Präsident bis 1933. Bis zum heutigen Tag sind beide Gesellschaften freundschaftlich verbunden.

Das RMD blieb als Untersektion der „MC“ bestehen und startete 1928 mit Rex Karl Wahn seine gelungenen Veranstaltungen in „der Harmonie“ und dem Elisabethsaal. Erstmalig blieb ein Rex über zwei Jahre aktiv, denn auch 1929 schwang Wahn das Narrenzepter. Erst 1930 präsidierte Carl Küppers als Rex Carl, dem 1931 Joseph Hollenbrock sowie in den Jahren 1932 und 1933 erneut Karl Wahn folgten. Der Grundstein für eine gewisse Kontinuität wurde allmählich gelegt. Infolge einer Erkrankung sprang in der Session 1934 nochmals der REX des Jahres 1902, Karl Kampermann, für Karl Wahn auf den närrischen Thron.

Ein Ziel des RMD war es immer, das närrische Wirken mit sozialem Engagement zu verknüpfen. So veranstaltete die Gesellschaft in den 1930er Jahren mehrfach Sitzungen für die Kranken der „Lindenburg“, einem der hiesigen Krankenhäuser.

Mit diesen Veranstaltungen trat erstmals im Jahr 1934 Toni Trenzen in den Gesellschaftsannalen in Erscheinung. Der Pfarrer der Lindenburg, Monsignore Anton Gotzen, hatte ihn gebeten, ein wenig karnevalistischen Frohsinn ins Haus zu bringen. Trenzen führte im Namen des RMD das Narrenregiment, während auf den Fensterbänken und Heizkörpern im großen Hörsaal der Lindenburg die Krankenhausinsassen Platz gefunden hatten, um die Vorgänge am Ratstisch und in der Bütt besser verfolgen zu können. Rex Toni hatte die volle Zustimmung aller Kranken und des Pflegepersonals, als er ein neues Gesetz verkündete, wonach jetzt und in Zukunft alle Krankheiten vor allem durch Lachen und Humor geheilt werden müssten: „Laache eß de beste Millezing!“

1935 fungierte Trenzen offiziell als neuer „Rex“ und lud zu zwei Herrensitzungen im Vortragssaal der „Bürgergesellschaft“ und zu einem Damen-Comité in den restlos überfüllten Sälen der Casino-Gesellschaft ein. Hinzu kam die Krankensitzung in der Lindenburg. Ein Jahr später führte er die Gesellschaft ins 75-jährige Bestehen mit einer wunderbaren Jubiläums-Sitzung mit Damen in den Sälen der Casino-Gesellschaft am Augustinerplatz. Doch sollte es die letzte Veranstaltung in der Zeit des NS-Regimes und vor dem Zweiten Weltkrieg sein, denn dem RMD als Untersektion der MC wurde für die Folgezeit in einem nationalsozialistischen Staat keine Lebensberechtigung mehr zugesprochen. Überdies wurde das Wirken der MC als solche im Jahr 1938 komplett verboten. Das war das Ende aller Aktivitäten: Ab sofort war für das RMD sozusagen jeder Tag ein Aschermittwoch.

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg fanden die Freunde des RMD langsam wieder zusammen. Auch wenn die Besatzungsmacht jede offizielle Zusammenkunft verhinderte, so trafen sich laut alter Protokolldaten mehrere RMD-Mitglieder am 19. Mai 1946 in den Mittagsstunden. Ein neuer Aufbau begann – trotz aller Sorgen. Erst nach der Währungsreform im Juni 1948 war an eine Normalisierung des Lebens zu denken. Am 21. Februar 1949 wurde zum ersten „Kölschen Ovend“ nach dem Krieg aufgerufen. Bereits dieser erste Herrenabend in der Stolzestraße, den Toni Trenzen leitete, wurde ein voller Erfolg. Erstmals in diesen schwierigen Nachkriegszeiten herrschte für wenige Stunden so etwas wie Freude und Frohsinn. Die Bohnenbürger hatten wieder Geschmack am fröhlichen Treiben des Fasteleers gewonnen.

Anfang der 1950er Jahre feierte das RMD im Restaurant der Bürgergesellschaft.

Der erste „Karnevalistische Familien-Abend“ des RMD am 14. Februar 1950 im Restaurant der „Bürger“, dem aus Platzmangel nur ein „Siebener-Rat“ unter Rex Toni vorstand, erbrachte den Beweis, dass das Närrische Bohnenreich seinen Platz im kölschen Fasteleer behauptet hatte. Und wie sich die Geschichte wiederholt: Schnell wurde wieder klar, dass der Saal – im Hinblick auf die Zukunft – mal wieder einfach viel zu klein war. 1953 bis 1955 zog das RMD mit seinen alljährlichen „Großen Sitzungen mit Damen“ – wie die Damen-Komitees ab sofort bezeichnet wurden – ins Ehrenfelder Kolpinghaus um. Und 1956 fand man mit dem herrlichen, übersichtlichen Börsensaal der Industrie- und Handelskammer eine neue Heimstatt. Mit einem Fassungsvermögen von rund 1000 Personen hatte die Gesellschaft eine Residenz gefunden, die ausgezeichnete Veranstaltungen ermöglichte.

Mittlerweile hatte sich das karnevalistische Wirken des Rosen-Montags-Divertissementchens innerhalb der Session hauptsächlich auf eine „Große Sitzung mit Damen“ beschränkt. Herrensitzungen und Damen-Comités – und vor allem die „Divertissementchen“, die mit dem Ersten Weltkrieg weggefallen waren – fanden nicht mehr statt. Ebenso war es nicht mehr üblich, dass die Programmpunkte von eigenen Kräften bestritten wurden. Mit den Jahren hatten sich aus den Idealisten des Fasteleers gewissermaßen Spezialisten des Humors entwickelt, die von allen Gesellschaften eingeladen wurden und für ihre Auftritte einen kleinen Unkostenbeitrag erhielten. Vom Unkostenbeitrag zum Honorar war kein weiter Weg. So entwickelte sich mit der Zeit der Berufskarnevalist, der die karnevalsfreudigen Kölner mit seinen närrischen Reden unterhielt.

Im Jahre 1961 blickte das RMD auf eine hundertjährige, ehrenvolle Vergangenheit zurück. Dieses große Jubiläum wurde mit einem Festakt im Senats-Hotel und einer prächtig verlaufenen Jubel-Prunksitzung in der Börse begangen. Wenige Jahre später fand ein Generationenwechsel an der Spitze statt: 1967 gab Toni Trenzen aus gesundheitlichen Gründen sein närrisches Zepter ab. Er blieb aber nach wie vor eine tragende Säule der Gesellschaft. Nicht zuletzt trieb er voran, dass das RMD im Jahr 1967 dem Festkomitee des Kölner Karnevals als förderndes Mitglied beitrat.

Ein nur zwei Jahre währendes Gastspiel als Rex gab das frühere Mitglied des Kleinen Rates, Oberstudienrat Heinrich Porschen. Sein Nachfolger wurde 1970 Friedel Weber, ein Mann aus der Katholischen Jugend, der schon als Krätzchenssänger und Präsident der verschiedensten Pfarrgesellschaften seine Meriten verdient hatte. Er besaß echt kölschen Humor und eine Stimme, die – so das damalige Protokoll – „die herrliche Dekoration des Börsensaales zum Flattern brachte“.

Friedel Weber (l.) führte das RMD ins 111-jährige Bestehen in der Session 1972.

Friedel Weber oblag es, die Gesellschaft ins närrische Jubeljahr – 111 Jahre RMD im Jahr 1972 – zu führen. Das feierten die Mitglieder mit einem kölschen Empfang im Kolpinghaus International. In der Gesellschaft sei immer „Genöglichkeit, gepaart mit kölschem Bürgersinn“, lobte damals Festkomitee-Präsident Ferdi Leisten das „närrische Bohnenreich“ in seiner Jubiläumsansprache.

Zum 120-jährigen Bestehen im Jahr 1981 schließlich wartete ein Höhepunkt auf die Mitglieder des RMD: Erstmals ging eine Abordnung der Gesellschaft im Kölner Rosenmontagszug mit. Und zum 125-jährigen Bestehen in der Session 1986 nahm die RMD-Gruppe sogar mit einem festlichen Prunkwagen teil.

Seitdem ist das Rosen-Montags-Divertissementchen alle zwei bis drei Sessionen – mal mit und mal ohne Festwagen – im „Zoch“ mit von der Partie. Mittlerweile zählte die Gesellschaft weit über 100 Mitglieder, insbesondere viele jüngere, die die Zukunft der Gemeinschaft sicherstellten.

Von 1970 bis 1995 führte Friedel Weber als Präsident und Sitzungsleiter souverän das Zepter der Gesellschaft. Aufgrund seiner Einsatzbereitschaft und seiner Verdienste für das RMD wurde er 1995 zum Ehrenpräsidenten der Gesellschaft ernannt. Drei Jahre zuvor wurde unter seiner Ägide sowie mit Vizepräsident Michael Kamphausen die Eintragung ins Vereinsregister vorangetrieben. Seit 1992 ist das Rosen-Montags-Divertissementchen von 1861 ein eingetragener Verein, ein e.V..

Auf die Präsidentschaft Friedel Webers folgte im Laufe des Jahres 1995 Michael Kamphausen. Seit 1970 gehört er schon der Gesellschaft an, und er prägte viele Jahre als Vizepräsident die Entwicklung des RMD. Gleichzeitig organisierte er als Gruppenwart bis 1998 die Teilnahmen des Rosen-Montags-Divertissementchens an Rosenmontagszügen. Mit dem Übergang der Präsidentschaft auf ihn erfolgte sozusagen der nächste gelungene „Generationswechsel“. Aufgrund seiner Erfahrungen und Einstellung zur Gesellschaft konnte sich das RMD sicherlich kaum einen besseren Nachfolger wünschen.

In den Jahren 1996 bis 1999 leitete allerdings Klaus Kremer als Vizepräsident die Prunksitzungen in der Börse. Zur Session 2000 übernahm Michael Kamphausen zusätzlich die Sitzungsleitung. In seine Amtszeit fällt ferner die Anmietung einer Immobilie am Rudolfplatz, in der sich seitdem die Geschäftsstelle befindet. Dort werden ideelle Werte aus der Historie der Gesellschaft aufbewahrt. Zudem wird der Geschäftsbetrieb abgewickelt – und es finden nicht zuletzt die jeweiligen Vorstandssitzungen statt.

Der neue Präsident kümmerte sich sogleich um die inneren Strukturen. In moderneren Zeiten – das wusste Kamphausen nur zu gut – musste sich die Gesellschaft, um für die Zukunft gewappnet zu sein, noch professioneller aufstellen. Zunächst wurde das Rosen-Montags-Divertissementchen im Januar 2000 hospitierendes Mitglied im Festkomitee des Kölner Karnevals. Paten waren die renommierten Karnevalsgesellschaften Altstädter Köln von 1922 unter dem damaligen Präsidenten Karl-Heinz Basseng und die Kölner Narren-Zunft von 1880 unter ihrem Präsidenten Thomas Brauckmann („Bannerhär“). Seit September 2005 wiederum ist das RMD so genanntes „ordentliches Mitglied“ des Festkomitees. Paten waren wiederum zwei renommierte Gesellschaften, diesmal die Kölsche Funke rut-wieß vun 1823 – besser bekannt als „Rote Funken“ – unter Präsident Heinz-Günther Hunold sowie die KG Treuer Husar Blau-Gelb von 1925 mit Präsident Dr. Marko Schauermann. Zu allen Patengesellschaften pflegt das RMD – selbstverständlich – enge freundschaftliche Kontakte.

Ein fürstliches Geschenk machte sich Kölns viertälteste Karnevalsgesellschaft zum 140-jährigen Bestehen in der Session 2001: Präsident Kamphausen und Senatspräsident Paul Ellrich hatten ihre Mitglieder, Freunde, sowie zahlreiche Ehrengäste in den Ballsaal des Grandhotel Schloß Bensberg – also vor die Tore Kölns – geladen. Wie das Who-is-Who des Kölner Karnevals las sich die Gästeliste der knapp 200 Gäste, die den von Kamphausen organisierten Abend erlebten. Als einer der Höhepunkte galt die Versteigerung eines von Künstlerin Gerda Laufenberg gestifteten Federaquarells mit dem Titel „und oben schwebt der Laternenmann“. Das Bild erzielte 3400 Mark.

Zehn Jahre später war das Fest noch ein wenig größer: Immerhin galt es, den 150. Geburtstag des RMD zu feiern.

„Tradition ist wie eine Laterne: Der Dumme hält an ihr fest – dem Klugen weist sie den Weg.“ Das sagte Karnevalsphilosoph Wolfgang Oelsner beim Jubiläumsempfang in der Bastei über das Wahrzeichen des Rosen-Montags-Divertissementchens (RMD), den Bajazzo oder „Laternenmann“.

Im Anschluss sprach er über den „Jeck an sich“ und lobte das „Fest der Eitelkeiten“ in seiner Tiefe: „Männer gockeln in Uniformen, stecken sich Fasanenfedern an den Hut – Frauen geben ein Vermögen beim Friseur, in Kosmetik- und Nagelstudios aus – und alle gieren nach der Prinzenspange. Diesem Vorurteil sollten Karnevalisten entschieden begegnen und sagen: Stimmt!“ Anerkennung wolle schließlich jeder – „das war immer so und wird auch immer so bleiben“, so Oelsner. „Spangen beispielsweise kennen wir als Grabbeilagen von Ausgrabungen – es gab sie also schon seit Menschengedenken. Der Karneval vermittelt den Menschen diese Anerkennung.“ Viel Beifall erntete Oelsner für seinen Beitrag.

Ein launiges Programm in würdigem Rahmen hatte Präsident Michael Kamphausen für seine Gäste vorbereitet. Neben dem Einblick Oelsners in die Seele des kölschen Jecken scherzte Kabarettist Richard Rogler über Gott und die Welt („dass Karneval und Kabarett nicht zusammenpassen, ist Quatsch – im Karneval findet jeder seinen Platz“), sprachen Festkomitee-Präsident Markus Ritterbach und Volker Wagner (Präsident des Bundes Deutscher Karneval) launige Grußworte, und das Dreigestirn gratulierte zum Jubelfest.

„Es tut gut zu sehen, dass es in einigen Gesellschaften immer noch diese heile, kleine Welt gibt, die bestehen bleibt“, meinte Ritterbach lobend mit dem Hinweis, dass RMD-Sitzungen nie „einfach nur Party“ sind, sondern einen „niveauvollen Karneval“ bieten.

Diese Aussage bestätigten die Mitglieder des RMD über die gesamte Session. Bei der Jubiläums-Prunksitzung im Congress-Saal griff Präsident Rex Michael Kamphausen einen „alten Gedanken aus der Gesellschaftshistorie“ auf: Damals stiegen Mitglieder in die Bütt oder spielten kleine Theaterstücke – „Divertissementchen“ eben.

Die Kabarettisten Richard Rogler (l.) und Dr. Ludger Stratmann (r.) wagten sich bei der Jubiläumssitzung des Rosen-Montags-Divertissementchens in der Session 2011 auf Bitte von Rex Michael Kamphausen (M.) auf die karnevalistische Bühne.

Diesmal bat Kamphausen die beiden Kabarettisten Richard Rogler und Dr. Ludger Stratmann auf die Bühne, die als Mitglieder eng mit dem RMD verbunden sind. „Das RMD ist sicherlich weltweit die einzige Karnevalsgesellschaft, die sich zwei Kabarettisten leistet“, scherzte Rogler und erklärte danach, warum er sich auf karnevalistische Bühnenbretter wagte: „Der Präsident hat darum gebeten – und einem Präsidenten widerspricht man nicht.“ Im Anschluss erklärte Stratmann Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Westfalen und Rheinländern – einer davon ist: „Wir kennen beide das Grundprinzip von Genitiv und Dativ – wir setzen es aber nach dem Zufallsprinzip ein.“ Tosender Applaus war beiden gewiss.

Die Jubiläumssession endete mit einem furiosen Rosenmontagszug, an dem das RMD mit einer großen Abordnung teilnahm. Damit waren die Jubiläumsfeierlichkeiten allerdings nicht beendet: Den Abschluss des Jubeljahres bildete ein Jubiläumsball im Festsaal des Pullman Cologne Hotels.

Einmal Rex und zweimal „Ex-Rex“: Im Beisein seiner Vorgänger Friedel Weber (l.) und Michael Kamphausen (2.v.l.) wurde Udo Marx (r.) von Festkomitee-Präsident Markus Ritterbach ins honorige Amt eingeführt.

Ein erneuter Generationswechsel ging in der Session 2012/2013 vonstatten. Frühzeitig hatte Michael Kamphausen angekündigt, bei der Jahreshauptversammlung im April 2012 nicht für eine weitere Amtsperiode zur Verfügung zu stehen. Die Mitglieder wählten einstimmig Udo Marx – Rex Udo I. – zu seinem Nachfolger.

Bei der Prunksitzung des RMD gab der neue Rex seinen Einstand als Sitzungsleiter. Dabei wurde er von Festkomitee-Präsident Markus Ritterbach feierlich in sein Amt eingeführt – und zwar im Beisein seiner beiden Vorgänger Michael Kamphausen und Friedel Weber. „Es geschieht selten, dass gleich drei Generationen von Präsidenten einer Gesellschaft auf der Bühne vereint sind“, meinte FK-Chef Ritterbach und geleitete Marx mit Präsidentenkette und -pritsche feierlich ins honorige Amt.

Nach zwei Jahren als Rex hat Udo Marx bewiesen, dass er ein gutes Gespür dafür hat, die Traditionen der Gesellschaft zu bewahren, sich Neuerungen gegenüber allerdings nicht zu verschließen. Mit seiner aktiven Vorstandsmannschaft ist es ihm gelungen, die närrische Welt des RMD im Sinne der Gründungsväter und im Sinne seiner Vorgänger fortzuführen.

Seinen Einstand als Sitzungsleiter feierte Rex Udo bei der Prunksitzung des RMD am 13. Januar 2013.

Mit über 150 Mitgliedern, viele bereits in der zweiten oder dritten Generation ihrer jeweiligen Familie vertreten, ist das Rosen-Montags-Divertissementchen immer eine Familiengesellschaft geblieben, die das ganze Jahr über die Geselligkeit pflegt. Da gibt es den Brauchtumsabend als Start in die Session und die Heimatexkursion im Frühjahr, die den Herren vorbehalten sind – für und gemeinsam mit den Familien gibt es jährliche Sommerfeste oder Theaterbesuche. Alle fünf Jahre – zu runden Geburtstagen sowie zu den „fünfjährigen Jubiläen“ – wird darüber hinaus ein Senatsfest mit vielen Attraktionen und Showeinlagen in bekannten Kölner Festräumen gefeiert.

Auch wenn sich das Rosen-Montags-Divertissementchen immer wieder den Verhältnissen der jeweiligen Zeit anpassen musste, so ist doch eines über die Jahrzehnte hinweg geblieben: die närrische Fröhlichkeit, mit der die Mitglieder den Kölner Karneval bereichern. Mit seiner ungebrochenen Freude am Humor, der Liebe zu seiner Vaterstadt Köln und dem Kölner Karneval sowie seiner Verbundenheit zu Traditionen hat das RMD dem kölschen Fasteleer jederzeit treu gedient. Der karnevalistische Höhepunkt der RMD-Session ist die große Prunksitzung mit Damen – zumeist vor ausverkauftem Haus. Übertroffen wird dieser Höhepunkt immer dann, wenn die Gesellschaft am Rosenmontagszug teilnimmt.